Hildegard von Bingen und der Walnussbaum
Share
Was Hildegard von Bingen über den Walnussbaum wusste
Bevor wir in ein paar Wochen wieder grüne Walnüsse vom Baum holen, möchten wir etwas erzählen, das uns jedes Jahr aufs Neue fasziniert: wie alt das Wissen um diesen Baum wirklich ist – und wie nah diese Geschichte an uns liegt.
Eine Frau, ein Baum, ein Ort
Hildegard von Bingen lebte von 1098 bis 1179. Sie war Äbtissin, Heilkundige, Komponistin und eine der bedeutendsten Gelehrten des Mittelalters. Ihr Kloster stand am Rupertsberg nahe Bingen – und später gründete sie das Kloster Eibingen bei Rüdesheim. Wir in Agathes sind also buchstäblich ihre Nachbarn. Auch wenn zwischen ihr und uns knapp 900 Jahre liegen.
In ihrem naturkundlichen Hauptwerk, der Physica (lateinisch für „Naturkunde"), beschrieb Hildegard hunderte Pflanzen, Bäume und ihre Wirkungen auf Körper und Geist. Der Walnussbaum nimmt dort einen besonderen Platz ein.
Der Walnussbaum in der Physica
Hildegard kannte den Walnussbaum gut – als Heilmittel, aber auch als Baum mit einer eigentümlichen, fast rätselhaften Natur. Sie empfahl die Blätter gegen Würmer und schätzte die Nuss als kräftigende Speise.
Was sie dabei beobachtete, war intuitiv richtig: Der Walnussbaum ist kein freundlicher Nachbar. Unter ihm wächst kaum etwas. Das Gras wird spärlich, andere Pflanzen meiden seinen Schatten. Der Grund dafür ist ein Stoff namens Juglon – ein braunschwarzes Pigment, das die Walnuss in Schale, Blättern und unreifer Frucht enthält. Es verhindert aktiv das Keimen anderer Pflanzen. Der Baum schützt sich selbst.
Hildegard sprach in ihrer Zeit nicht von Juglon – diesen Begriff kannte die Wissenschaft noch nicht. Aber sie sah, was der Baum bewirkt. Und sie sah die dunkle Kraft, die aus ihm austritt.
Das Schwarz, das sie beschäftigte
Wer schon einmal grüne Walnüsse aufgeschnitten hat, weiß: Die Finger werden sofort dunkelbraun bis schwarz. Wer keine Handschuhe trägt, trägt diese Färbung tagelang. Das ist das Juglon – reaktionsfreudig, intensiv, hartnäckig.
Hildegard beschrieb dieses „Schwarze" in den unreifen Nüssen als etwas, das aus dem Körper weichen sollte, bevor die Nuss zur Speise wird. Das Wässern der aufgeschnittenen grünen Walnüsse – wie wir es bis heute machen – hat also tiefe Wurzeln. Es ist kein modernes Verfahren. Es ist überliefertes Wissen.
Der lateinische Name des Walnussbaumes, Juglans regia, bedeutet übrigens: die königliche Nuss des Jupiters. Eine Frucht, die man offensichtlich schon immer für etwas Besonderes hielt.
Was das für uns bedeutet
Wir sammeln jedes Jahr grüne Walnüsse – vor dem Johannistag, wenn die Nuss noch weich und ungereift ist. Das haben wir von unseren Eltern, die es von ihren Eltern haben. Und jetzt wissen wir: Auch Hildegard kannte diesen Baum. Auch sie hat seine dunkle Kraft beschrieben. Auch sie wusste, dass man ihn erst verstehen muss, bevor man ihn nutzen kann.
In den nächsten Wochen werden wir diesen Prozess begleiten – vom Sammeln über das Wässern bis zur fertigen Walnussmarmelade, die dann in unsere Küche und in unseren Online-Shop kommt.
Es fängt mit einem Baum an. Und mit einer Frau, die ihn vor fast 900 Jahren genauso faszinierend fand wie wir heute.
Der nächste Teil erscheint, wenn die Nüsse bereit sind – in etwa zwei Wochen. Dann führe ich diesen Block weiter.